Abschnitt I - Kunst neu denken

Weshalb Kunst neu denken?

Kunst ist Kommunikation mit Bildern. Kunst beschäftigt sich mit den sichtbaren Bildern in unserer Welt – nicht nur mit den in Galerien und Museen ausgestellten. Kunst prägt unsere Vorstellungswelt.

Denn Seh-Muster sind Denk-Muster. Kunst ist sehen, erkennen und verstehen – und somit Voraussetzung für unser Handeln. Kunst ist soziale Kommunikation. Deshalb wollten nicht nur in der Vergangenheit Könige, Kaiser, Kirchenfürsten und Diktatoren unsere Bilderwelten kontrollieren. Auch heute versucht eine gigantische Werbe- und Medienindustrie unsere Sehgewohnheiten entsprechend ihren Interessen zu lenken, auszurichten, wenn möglich zu manipulieren. Können wir unsere Handlungsspielräume erhalten und neue demokratische Wege erschließen? Ja: Wenn wir Kunst neu denken, unsere Sehgewohnheiten überprüfen und uns so neue Freiheitsräume erschließen.

Es beginnt bei der Ausrichtung unserer Sehgewohnheiten mit der Indoktrinierung des Rollenverständnisses der Mädchen und Jungen. Mit der Evolution unserer Bilderwelten können sehr gefährliche Wege beschritten werden. Hitler, Stalin und Trump lassen grüßen.


Abschnitt I – Kunst neu denken – 1. Die Frau als Stereotype

Kleid, Kochtopf, Kind

„Seid jung und sexy“ titelte die FAZ über einen Arte-Beitrag über Weiblichkeit und Schönheitswahn. Die Vogue-Chefin Franka Sozzani bringt darin die zentrale Aussage auf den Punkt: „Der wahre Traum der Frau ist zu gefallen. Sie kleidet sich, um zu gefallen, sie existiert, um zu gefallen.“ Wem? Dem Mann. Das Weib als Attribut des Mannes. Gott hat schließlich Eva aus der Rippe Adams geformt.

Das sind die Triebe? Sigmund Freud hat den Sexualtrieb als den mächtigsten benannt. Dem gilt es entgegenzuhalten, dass die Triebe beim Menschen immer gesellschaftlich überformt, durch Sitten und Gebräuche entscheidend geprägt sind. Sie unterliegen gerade derzeit einem starken Wandel, wie die Zunahme der Lesben- und Schwulenpaare und der allein Lebenden zeigt. Die Unterordnung der Frau unter die vorherrschende Rolle des Mannes ist ein gesellschaftliches Produkt. Das Festhalten an dem Konzept der Familie als Zelle der Gesellschaft ist ein konservatives Relikt. In der BH- und Dessous-Werbung wird die Frau als Objekt präsentiert. Verführerisch, demütig aber ihrer Reize bewusst. Wartend auf den begehrenden Zugriff. Wer wollte nicht gefallen?

Mit der Reduktion auf das körperlich Reizvolle, der bewussten Unterordnung unter die Begierden (und der Macht) des Mannes beginnt die Reise über Kleid zum Kochtopf und Kind. Sie sollte etwas für ihren Kopf tun, hat ihr die Mutter geraten. Sie geht zum Frisör.


Abschnitt I – Kunst neu denken – 2. Der Mann als Stereotype

Charisma, Stärke, Konkurrenz, Kampf

Stereotypen prägen auch das Bild des Mannes. Ernst, Stärke, Urteilskraft, Härte, Entschlossenheit. „Ich hoffe nicht auf den Erfolg. Ich arbeite an ihm.“ Der Mann steht mitten Leben. Er hat Charisma, Ausstrahlungskraft. Und die wird an seiner gesellschaftlichen Stellung gemessen. Der Mann ist der Boss. Er hat Wettbewerb, Konkurrenz und Kampf akzeptiert, verinnerlicht.

Ganz im Gegensatz zur Kennzeichnung weiblicher Qualitäten steht die liebreizende, werbende Persönlichkeit nicht im Vordergrund. Der Mann hat Erfolg – eben auch bei Frauen. Der Mann ist auf sich gestellt – er steht in Konkurrenz mit anderen und setzt sich durch. Unter dem Stichwort Konkurrenz listet synonyme.woxikon.de folgende Stichwörter auf:
1. Bedeutung: Wettbewerb [n], Rivalität, Wettkampf, Wettstreit, Gegnerschaft, Nebenbuhlerschaft, Wettlauf, Wettspiel, Wirtschaftskampf, Kampf, Erwerbskampf, Kampfspiel, Rennen, Spiel, Turnier, Konkurrenz
2. Bedeutung: Wettkampf [n], Wettstreit, Spiel, Konkurrenz, Kampfspiel
3. Bedeutung: Ringen [n], Abwehr, Auseinandersetzung, Bemühen, Blutbad, Blutvergießen, Eintreten, Engagement, Fehde, Feindseligkeit, Gefecht, Gegnerschaft, Kampfhandlung, Konkurrenz, Krieg, Rivalität, Kampf


Abschnitt I – Kunst neu denken – 3. Stereotypen werden eingeübt

„Angst essen Seele auf“

Sind wir von Gangstern, Gaunern, Banditen und Mördern umringt? Ist das Leben ein Krimi? Sind wir existentiell bedroht? Nein. Angst wird erzeugt. Und Angst ist der schlechteste Ratgeber. Hunger und Not können wir ertragen. Ein Film von Rainer Maria Fassbinder heißt „Angst essen Seele auf“. Angst zerstört unser Inneres, unsere positive Gedankenwelt.

In den Medien werden die Stereotypen ausgestaltet. Western. Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. Lauter Feinde umgeben ihn. Hart, zielstrebig, rücksichtslos geht er vor. Bill und Ned wollen das Geld. Lord Roxton ist ein guter Jäger. Als Gangster und Frauenheld sehr erfolgreich: Dee. Der Kampf ist der Lebensinhalt des Mannes. Er besteht als Einzelner. Er setzt sich als Kämpfer durch, notfalls mit der Schusswaffe.

Dauerhaft erhöhte Spiegel des Stresshormons Cortisol zerstören Gedächtnisstrukturen. Angst bereitet der Aggression den Weg. Fortwährende Angst führt zur Verzweiflung, Hilflosigkeit und Ohnmacht. Das wissen Diktatoren in aller Welt, die zuerst Angst in ihrer Gemeinschaft schüren, Menschen ausgrenzen und einschüchtern und dann auf der Grundlage der erzeugten Angst ihre Macht, ihren Reichtum ausweiten und Kriege anzetteln. Daniela Katzenberger verführt uns. Das intime Liebesleben wird uns als Melodram, Abenteuer, Drama, Komödie oder schlicht als Dokusoap vorgeführt. Liebe ist Parfüm.

Ist ein positives Menschenbild möglich?


Abschnitt I – Kunst neu denken – 4. Sport als Kampfplatz

Ausdrucksstarke Gefühle – In God we trust

Die schönste Nebensache – der Sport – erweist bei näherem Hinsehen als ganz schön prägend. Als Hauptsache. Beim Boxen geht es darum, jemand in die Fresse zu schlagen, bis er umfällt. Knock-out.

Boxen gilt als die Sportart, bei der Kinder der Unterschicht die Chance bekommen, ganz nach „oben“ aufzusteigen. Das Leben ist Kampf, brutales Draufhauen. Nur der Stärkste, der mit den geringsten Beißhemmungen, setzt sich durch. Bis zu Darwins Sozialdarwinismus ist es nur noch ein kleiner Schritt. Tennis gilt als Sportart der Vornehmen, der upper class. Hier prägen Einzelkämpfer und Einzelkämpferinnen das Bild. Die Gestik der Kämpfenden zeigt ihre Verbissenheit. Der weit aufgerissene Mund. Der Wutschrei. Die geballte Faust.

Die Studie „Football Passions“ des „Social Issues Research Centre“ in Oxford fand heraus, dass 60 Prozent der europäischen Fußballfans der Aussage „Fußball ist wie eine Religion für mich“ zustimmen. Ein Finne sagte: „In Finnland ist zum Spiel gehen wie zur Kirche gehen.“ Mitglied eines Vereins zu sein, sei wie eine lange Liebesbeziehung mit einem Menschen, sagen 55 Prozent der Fans.

Leben aus zweiter Hand.


Abschnitt I – Kunst neu denken – 5. Religion: Rituale der Macht

Seid gesegnet

Seit 1700 Jahren steht Europa im Zeichen des Kreuzes. Als Konstantin der Große um das Jahr 320 das Christentum zur Staatsreligion machte, wählte er das Kreuz als Identität stiftendes Zeichen für seine Soldaten. Vor der entscheidenden Schlacht gegen seinen innenpolitischen Gegner war Konstantin das Zeichen am Himmel mit der Weisung „In diesem Zeichen wirst du siegen“ erschienen. Konstantin sah sich als Stellvertreter Gottes und den Vorteil der Religion in der ideologischen Einheit und Unterwerfung seiner Untertanen.

Seitdem wurden Menschen auf der ganzen Welt zwangsmissioniert. Damit stärkten nicht nur Kolonialmächte auch ihre ideologische Macht. Die Kirchen sind die reichsten und ideologisch noch mächtigsten Institutionen in der Welt. Deren Banken sind in dunkle, intransparente Geschäfte verwickelt, berichten Medien. Immer wieder gibt es Berichte über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch kirchliche Würdenträger. Die Institutionen, die sich mit Kriegen und Ritualen, Beschwörungen und Verdammungen durch die Wirren der Zeit geschlängelt haben, werden fragwürdig.


Abschnitt I – Kunst neu denken – 6. Gesichter der Macht

Hierarchien erzeugen Größenwahn

Muammar al-Gaddafi wurde in den westlichen Medien gern als Politikclown und als Terrorist hingestellt. Er zeigte aber das ganz gewöhnliche Gesicht der Macht mit Größenwahnfantasien – schließlich bekam er seine Ausbildung in Großbritannien. Auch andere Politiker leben ihre Größenwahnfantasien aus – Trump oder Putin oder ... Bilder der Macht – Macht der Bilder. In den meisten Ländern der Erde herrschen noch Machteliten, in denen die Menschen nicht die geringste Chance zur Individualitätsentfaltung bekommen.

Besonders brutal wird dies sichtbar in Nordkorea, in denen die Militärs aufmarschieren und Menschenmassen in Rot oder Schwarz gekleidet als eine Schusswaffe aufmarschieren. Wie ist es um die Freiheit in den USA oder Russland bestellt? Dem modernen Menschen sei der Gottesglaube abhanden gekommen, wird oft behauptet. Aber was ist Superman, Batman oder der aus Eisen und Stahl konstruierte Superheld, der Feuer, Tod und Vernichtung bringt, anderes? Hier werden Hierarchien und Machtbewusstsein in den Köpfen ausgebildet. In Computersimulationen wird all das eingeübt. Im Klartext steht unter einem strategischen Kriegsspiel: „Bunt und strahlend: Auch wenn es aussieht wie ein naher Verwandte von Flower, ist Dawinia eine Göttersimulation.“ So wird in diesen Computerspielen Gott und Krieg gespielt. „Im Mehrspielermodus lassen sich im Vergleich zur Vorgänger deutlich mehr Gebäude zerstören.“ Und „Nach dem Verrat bekommt man endlich die Gelegenheit für Rache und steht den Feinden von Angesicht zu Angesicht gegenüber.“


Abschnitt I – Kunst neu denken – 7. Töten für die Zivilisation?

Digitale Diktatur?

Seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist bekannt, dass vor allem die USA einen gigantischen Überwachungsapparat aufgebaut haben, der die Freiheiten eines jeden bedroht. Die Geheimdienste NSA und CIA speichern die Telefonate von ganzen Ländern und werten sie aus.

Zusammen mit den Technologie- und Massenkommunikationsunternehmen Amazon, Google, Facebook, Apple, Yahoo, Microsoft und anderen ist ein militärisch-industrieller-informeller Komplex entstanden, der Persönlichkeitsprofile von jedem erstellen kann und damit das Potenzial zum manipulativen Eingriff besitzt, von dem frühere Diktaturen nur träumen konnten. Natürlich kann ein Diktator wie Putin auf die gewohnten Denkmuster wie Macho, Erfolg, Macht zurückgreifen. Er denkt in den Großmachtkategorien – mit der Atombombe und dem militärisch-industriell-informellen Komplex in der Rückhand. Auch Putin fühlt sich als Gott.
Die Mächtigen zetteln Kriege in allen Teilen der Welt an. Ohne sie würden Terroristen schon nach einem Tag die Mittel und Waffen ausgehen. Mit Drohnen und elektronischen Waffen werden Zivilisten ermordet. Die Terrorkriege werden auch von Deutschland aus geführt. Die Drohnenkrieger sitzen in Stuttgart und Ramstein. Eine ehemalige Soldatin, die sich heute als ›Gothic Model‹ verdingt, erzählt ganz locker, wie das sei, mit einer ›Hellfire‹-Rakete Menschen zu töten: ›Es ist ein ganz normaler Job. Man arbeitet von neun bis fünf und geht nach Hause und vergisst...‹“
Und Frau Merkel besucht Soldaten, die sich mit schwarzer Farbe getarnt haben. Deutschland gerät in Kriege, die immer neue Kriege produzieren.


Abschnitt I – Kunst neu denken – 8. Gibt es Auswege?

Wir sind keine Maschinen – und auch keine Kämpfer

Albert Einstein: „Die Probleme dieser Welt lassen sich nicht mit Denkweisen lösen, die sie erzeugt haben.“

Je intensiver wir Verständnis für andere Menschen entwickeln, desto intensiver können wir uns selbst erkennen. „Erkenne dich selbst im Gegenüber.“ Allein kann das kein Mensch. Es ist ein Selbst-im-Anderen-Erkennen. Aber die Verbundenheit mit Anderen ist nur möglich jenseits von Angst und Not. Freiheit ist die Voraussetzung. Gerald Hüther: „Jetzt finden wir allmählich unsere gemeinsamen Wurzeln wieder und beginnen langsam zu verstehen, dass wir alle mit den gleichen Bedürfnissen, Hoffnungen und Ängsten unterwegs sind, alle Menschen, überall auf der Welt.
Das ist neu. ... Sind wir nicht längst schon mittendrin in diesem Prozess der Auflösung historisch gewachsener Grenzen zwischen menschlichen Gemeinschaften. Dann freilich würden wir gegenwärtig den wohl bedeutsamsten Bewusstwerdungsprozess erleben, den Menschen je durchlaufen haben. ... Die alten Vorstellungen und Überzeugungen davon, was ein Staat, ein Kulturkreis, eine Familie ist und wozu all diese Gemeinschaften da sind, beginnen sich aufzulösen. ... Um glücklich zu werden, müsste ein solcher Mensch die durch diese negativen Erfahrungen entstandenen Verschaltungsmuster und die von ihnen generierten einengenden Vorstellungen, Überzeugungen, Haltungen und Einstellungen irgendwann wieder auflösen. Das heißt, er müsste genau das loslassen können, was ihn bisher gehalten hat.“ Kreativität bedeutet, unsere Emotionen, unser Wissen, unsere Haltungen neu zu vernetzen. Die menschlichen Gemeinschaften können ihre Potenziale nur entfalten, wenn sie kooperieren.