Abschnitt III – Kunst neu denken – Aktuelle Thesen zur Kunstgeschichte

Irrtümer des Kunstverständnisse auch im 21. Jahrhundert

1. Stellung des Künstlers als „Genie“. Viele Künstler verstehen sich als Schamane, als Führer. Aus der Kunstrezeption vergangener Jahrhunderte sind Künstler als Propheten, als Künder höherer Wahrheiten überliefert.
2. Kunst- und Kulturentwicklung werden in der Regel als fortschrittlicher Prozess begriffen. Katastrophale Rückschritte sind in der Geschichte aber zu verzeichnen.
3. Abgelehnt wird der Platz der Kunst in der Massenkultur. Kunst wird Religionsersatz. Es werden museale, esoterische Bezirke behauptet.
Zu 1.: Die künstlerische Intuition befähige Künstler zum Prophetentum. An diesen Vorstellungen wird auch im Zeitalter der Wissenschaft festgehalten – ein Anachronismus. Bei näherer Untersuchung erweist sich die künstlerische Intuition zumeist als Beschäftigung mit erlittenen Traumatisierungen. Kunst wird zu einer Ersatzreligion im Zeitalter der Wissenschaft.
Zu 2.: Mit dem Fortschrittsgedanken werden die zentralen Katastrophen des 20. Jahrhunderts ausgeblendet. Nicht nur das »Dritte Reich« brachte einen Rückschritt der Kultur, der auch 60 Jahre nach deren Ende nicht aufgeholt worden ist. Den Kriegen und Vertreibungen als den Bruchstellen des 20. Jahrhunderts wird für das Verständnis von Kunst viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die Bedeutung und die Auswirkungen kollektiver Traumata für die kulturelle Entwicklung wird ungenügend reflektiert.
Zu 3.: Die Kunst der Zukunft muss ihren zentralen Platz in der Massenkultur erhalten. Dabei ist die Massenkultur derzeit noch weit davon entfernt, zur Aufklärung der von Bildern transportierten Mythen und Ideologien beizutragen.


Weshalb ist die Kunst der Prähistorie so wichtig?

In der „Prähistorie“ bildeten sich menschliches Bewusstsein und das soziale Verhalten der Menschen heraus. Die Kunst der prähistorischen Zeit unterscheidet sich grundlegend von der nachfolgender Zeiten:
– Es hatten sich noch keine hierarchischen Macht- und Besitzverhältnisse herausgebildet.
– Es gab keine Kriege.
– Es gab noch keinen Geschlechterantagonismus.
Die Kultur der der prähistorischen Zeit entwickelte sich in dem Zeitraum zwischen 40.000 und 3.000 Jahren v.u.Z., erstreckte sich über einen Zeitraum von 37.000 Jahren. In diesem Zeitraum erfolgten die richtungweisenden Veränderungen der menschlichen Gemeinschaften: Ackerbau und Viehzucht wurden entwickelt. Die Domestikation der Nutztiere, die auch heute noch die Lebensgrundlagen bilden, erfolgte hier. Urbane Städte mit Infrastruktur entstanden. Das metallurgische Handwerk, einschließlich die Verarbeitung des Eisens, wurde praktiziert. Die Wagentechnologie wurde erfunden, ebenfalls die Schrift. Die menschliche Sprache wurde entscheidend weiterentwickelt und verbreitete sich in der Welt.
Die patriarchalische Herrschaft wurde ab 3.000 v.u.Z. etabliert, prägt des Kulturen also seit 5.000 Jahren. Seitdem unterdrücken Dynastien die Mehrheiten der Bevölkerungen, knechten sie auch ideologisch. Kriege prägen das Weltgeschehen.
Die Prähistorie beweist: Eine andere, friedliche Ordnung der menschlichen Gesellschaften ist möglich.

Der britische Historiker Arnold Toynbee schreibt: „Die gegenwärtigen unabhängigen Regionalstaaten sind weder imstande, den Frieden zu bewahren, noch die Biosphäre durch die Verunreinigung durch den Menschen zu schützen oder ihre unersetzlichen Rohstoffquellen zu erhalten. Diese politische Anarchie darf nicht länger andauern in einer Ökumene, die längst auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet eine Einheit geworden ist. Was seit fünftausend Jahren nötig ist – und sich in der Technologie seit hundert Jahren als durchführbar erwiesen hat –, ist eine weltumfassende politische Organisation, bestehend aus einzelnen Zellen von den Ausmaßen der neolithischen Dorfgemeinschaften – so klein und überschaubar, dass jedes Mitglied das andere kennt und doch ein Bürger des Weltstaates ist. [...] In einem Zeitalter, in dem sich die Menschheit die Beherrschung der Atomkraft angeeignet hat, kann die politische Einigung nur freiwillig erfolgen. Da sie jedoch offenbar nur widerstrebend akzeptiert werden wird, wird sie wahrscheinlich so lange hinausgezögert werden, bis die Menschheit sich weitere Katastrophen zugefügt hat, Katastrophen solchen Ausmaßes, dass sie schließlich in eine globale politische Einheit als kleinerem Übel einwilligen wird.“ (Toynbee, S. 501 f.)


Carl Einstein: Die Kunstgeschichte muss neu geschrieben werden

Als einer der ersten notierte der Kunstkritiker Carl Einstein in den 1930er Jahren, dass auch die Kunstgeschichte unter Einbeziehung der prähistorischen Kunst neu geschrieben werden müsse, ohne dies allerdings selbst ausführen zu können. In seinen Manuskripten zu einem „Handbuch der Kunst“ kritisiert er, dass die Kunstgeschichte, nur einen schmalen Ausschnitt historischen Geschehens bietet und damit in die Irre führt. Insbesondere liegt Einstein am Herzen, Kunstgeschichte nicht nur als einen ästhetischen Prozess zu begreifen, sondern eingebunden in die Gesamtheit der ökonomischen, politischen und kulturellen Lebensverhältnisse: Die Kunstgeschichte sei zu einer „Art Mechanik der Formen und Stile“ verkommen.“ Kunst wird nicht als Bildwissen, als soziale Kommunikation begriffen, sondern als stilistische Artistik. In Punkt 12 kritisiert er: „Kunstgeschichte als Geschichte der qualitativen Höchstleistungen d.h. als Geschichte der Ausnahmen. Durch diese Einstellung wird eine idealisierende Verfälschung des geschichtlichen Geschehens betrieben. ...“ Der Geniekult verklärt Kunst zu einem Religionsersatz. Punkt 17: „Geschichtliche Auslese. Die Lücken der Kunstgeschichte. Die vernachlässigten Völker. Nationalismus der geschichtswertenden Völker oder Klassen. Lokale und internationale Kunst. ...“ Der Eurozentrismus verstellt den Blick. Punkt 19: „Kunst und Religion. Die Abänderungen der religiösen Vorstellungen und deren Einwirkung auf die Kunst. Das Jenseits, Himmel und Hölle und die sichtbare Welt. ... Kunst als Erfüllung eines religiösen Dogmas und das Kunstwerk als Verwirklichung einer neuen Gestalt. ...“

„1. Die Kunstgeschichte, soweit sie uns bekannt ist, bietet einen nur schmalen Ausschnitt historischen Geschehens, verglichen mit der Vergangenheit des Menschen und seines Siedelraums.“ (Einstein) „3. Infolge des Verfalls der geistigen Kultur und der Ueberdifferenzierung des Wissens wurde die Kunstgeschichte allzu gewaltsam aus der komplexen Kulturgeschichte gelöst, in deren Zusammenhänge jene wieder einzubauen ist. Diese Isolierung des Kunstgeschehens bewirkte einen geschichtlich unzureichenden, nur ästhetischen Standpunkt, wodurch die Geschichte zu einer Art Mechanik der Formen und Stile gemindert wurde.“ (Einstein)


Eurozentrismus verstellt den Blick auf eine globale Welt

Eine große Schwierigkeit bei der Revision des Geschichts- und Kunstverständnisses stellt der Eurozentrismus dar, der nicht nur alle Kulturwissenschaften – und besonders die Kunst – wesentlich prägt. Mit der italienischen Renaissance feiert vor allem die katholische Kirche ideologische Erfolge. Können wir uns eine Kunst ohne die Idealisierung des Christusbildes und des christlichen Glaubens überhaupt vorstellen? Der Hegemonieanspruch des christlichen Glaubens begründet auch den Hegemonieanspruch Europas. Er ist die ideologische Grundlage für die koloniale Eroberung und Missionierung der ganzen Welt. Er stellt auch die ideologische Grundlage für die imperialistische Herrschaft über andere Länder und Völker dar.
Der Eurozentrismus gründet auf der Behauptung, dass diese Kulturzone die am höchsten entwickelte sei und damit Maß und Ziel aller anderen Gesellschaften zu sein habe. Wissenschaften, Humanismus und Demokratie hätten europäische Wurzeln. Dass Europa mit Hitler, Stalin, Franco und Mussolini auch die totalitärsten Regime der Welt mit der Ermordung von Abermillionen Menschen hervorgebracht hat, wird für gewöhnlich außer Acht gelassen.
Der Eurozentrismus blendet nicht nur außereuropäische Kulturen als unbedeutend aus, auch innereuropäische Entwicklungen werden durch die Betonung der richtungsweisenden Rolle Griechenlands und Roms einseitig interpretiert. Deren Herrschaftsanspruch wird als zivilisatorischer Fortschritt gepriesen – das streicht auch die Führungsrolle Europas in der Welt heraus. Abbau von Hierarchien, von Diktaturen, Engagement gegen kriegerische Auseinandersetzungen haben auch heute eine große Aktualität, nicht zuletzt auch die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Fotos:
Die Welt scheint auf dem Kopf zu stehen. Plötzlich steht nicht mehr Europa im Mittelpunkt sondern Australien (oder Lateinamerika, oder Afrika).


In der Renaissance erfolgte die Weichenstellung

Die italienische Renaissance-Malerei stellte den Höhepunkt der Malerei des Illusionismus und der Täuschung der Betrachter dar. Michelangelo dramatisierte im Auftrag des Papstes den strafenden und alles dominierenden Herrschergott. Raffael präsentierte in den Stanzen des Vatikans den Papst als obersten Herrscher, Gesetzgeber und Richter der Welt.
Gleichzeitig schuf Raffael mit der „Sixtinischen Madonna“ die göttliche Erscheinung (Raffael, Sixtinische Madonna, 1513-1514, Öl auf Leinwand, 265 x 196, Zwinger, Dresden). Sie schwebt in den Wolken und ist eine überirdische Offenbarung, die allenfalls noch der Papst als Vertreter Gottes schauen darf. In der Folgezeit, vor allem im Manierismus, dem Barock und Rokoko schwelgen die Künstler geradezu in illusionistischen himmlischen Welten.
Auf der anderen Seite wird in der Renaissance-Kunst vor allem von niederländischen Künstlern (Robert Campin, Roger von der Weiden) zum ersten Mal ein individuelles Menschenbild geschaffen. Hieronymus Bosch, Albert Dürer, Leonardo da Vinci und Rembrandt bilden weitere Höhepunkte einer realistischen Weltsicht. Die Inquisition, die Gegenreformation und die staatlichen Institutionen verfälschten dann deren Anliegen und schufen strenge Regeln für die anzufertigen Bilder, die vor allem den Klerus und die Herrscher (und deren Leistungen) in den Mittelpunkt stellen mussten.


Kunst und die Emanzipation der Frau und des Mannes

An der Emanzipation der Frau lässt sich die Emanzipation der Gesellschaft hin zu einer demokratischen Ordnung ablesen – und nicht zuletzt auch die Emanzipation des Mannes. Die Gleichstellung der Geschlechter ist neben dem Abbau der Hierarchien die wichtigste Aufgabe in sich demokratisch ordnenden Gesellschaften. Die #MeToo-Debatte beweist die Aktualität: Sexismus und Missachtung der Persönlichkeiten sind an der Tagesordnung und werden von den Mächtigen der Welt befördert. Vertreter des Feminismus und der Frauenemanzipation stellen auch bisherige Systeme der Macht und Herrschaft in Frage. Denn Frauendiskriminierung ist seit der Installation der patriarchalischen Herrschaftssysteme im Zweistromland, in Altägypten, in den alten chinesischen und iranischen Herrschaftsgebieten, im alten Griechenland und Rom ein integraler Bestandteil der Unterdrückung der Bevölkerung – auch der der Männer.
Die demütigende Rolle der Frau ist tief im kulturellen Gedächtnis verankert. Tizian ließ Geld (aus dem Himmel) auf den nackten Schoß der Frau rieseln und demonstrierte so ihre Käuflichkeit. Friedrich Schiller dichtete in der Glocke: „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben ... Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau...“ Nicht vergessen: Den Frauen wurden erst vor 100 Jahren gleiche Rechte zugebilligt. In Deutschland haben erst seit 50 Jahren Frauen das Recht auf freie Berufswahl und auf freie Bestimmung über ihren Körper. Das sind formale Rechte, die in der Praxis erst noch umgesetzt werden müssen.
Aktuell präsentieren Künstler wie zum Beispiel Tom Wesselmann, Mel Ramos oder Jeff Koons Frauen als Waren, als praktikable Sexualobjekte. Sie bedienen das traditionelle Kunstverständnis.

Fotos:
1. Tizian,Danae, 1553- 1554, Öl auf Leinwand, 129,8 x 181,2 cm, Prado, Madrid.
2. Demonstration für Frauenrechte in Bangladesch


Der Kalte Krieg und die Etablierung des American Way of Living

Die Kunstausrichtung in den ehemals „sozialistischen“ Ländern erfolgte offen und oft brutal. Der Kalte Krieg wurde auch in der Kunst vom mächtigsten Geheimdienst der Welt, dem CIA, diskreter und erfolgreicher geführt.
1950 wurde von Berlins Oberbürgermeister Ernst Reuter in der Stadt der „Kongress für kulturelle Freiheit“ eröffnet. Der CIA hatte für diese Tarnorganisation über 4.000 Intellektuelle aus aller Welt einfliegen lassen. US-General John Magruder pries den Kongress als „raffinierte Tarnoperation auf höchstem intellektuellen Niveau ... unkonventionelle Kriegsführung der besten Art“. Präsident Truman war „sehr erfreut“. In Europa (in der Bundesrepublik, Großbritannien, Schweden, Dänemark und Island), auf anderen Kontinenten (Japan, Indien, Argentinien, Chile, Australien, Libanon, Mexiko, Peru, Kolumbien, Brasilien und Pakistan) wurden Büros eingerichtet. Über 50 Kulturelle-Freiheits-Zeitschriften wurden weltweit finanziert, die wichtigsten „Der Monat“, „Preuves“ und „Encounter“. Autoren: Huxley, Eliade, Malraux, Read, Thornton Wilder und viele andere.. Der CIA gab über 1.000 Bücher heraus. Autoren: T.S. Eliot, Huxley, Pasternak, Milovan Djilas. Gefördert wurde vor allem der amerikanische abstrakte Expressionismus. Mitglieder des Kongresses waren Motherwell, Baziotes, Calder und Pollock. Eine glaubwürdige Tarnung für die Interessen des CIA bot das Museum of Modern Art – der wichtigste CIA-Verbindungsmann war Nelson Rockefeller. Im Kunstausschuss des Kongresses saßen die Direktoren des Palais des Beaux-Arts in Brüssel, des schweizerischen Museums für Moderne Kunst, des Londoner ICA, des Berliner Kaiser-Friedrich-Museum, des Pariser Musée National d´Art Moderne, des Guggenheim Museums (New York und Venedig) und der Galleria Nazionale d´Arte Moderna in Rom und viele andere Direktoren.

Fotos:
1. Eine sowjetische Su-27 Flanker und eine US-amerikanische F-16A Fighting Falcon im August 1990
2. Der Slogan There’s no way like the American Way 1937 auf einer Plakatwand in Louisville, Kentucky.


Beuys: der einflussreichste Künstler der Nachkriegszeit

1. Beuys wurde im Zweiten Weltkrieg als Sturzkampfflieger traumatisiert.
2. Beuys versuchte, eine persönliche Mythologie zu begründen.
3. Beuys idealisiert die germanische Mythologie.
4. Die wichtigsten Beuys-Materialien sind Blut und Boden.
5. Beuys entwirft ein antizivilisatorisches Weltbild.
6. Beuys interpretiert Nazi-Verbrechen um.

Zu 1.: Vor dem Krieg malte er im naturalistischen Stil Meisen, Blumen, Landschaften. Die erlebten Grausamkeiten und das Töten von Menschen versuchte er dadurch zu verdrängen, dass er in eine geistige Gegenwelt, eine nordische Götterwelt, flüchtete. Er bezeichnete den Zweiten Weltkrieg als »Bildungserlebnis«.
Zu 2.: Seine Intention war dabei, aus einer Tätergeneration eine Opfergeneration zu machen. Er inszeniert sich selbst als Auserwählter und Heilsbringer.
Zu 3.: Beuys hat formuliert, man müsse sich entscheiden, Krieger oder Hirte zu sein. Er fühlte sich als Krieger. Auffällig sind seine vielen Nornenbilder, der nordischen Schicksalsgöttin: Das persönliche Schicksal eines jeden ist »vorherbestimmt«. Aber auch Odin, Loki und Thor werden häufig zitiert.
Zu 4.: Blut und Boden: Alle weiteren verwendeten Materialien sind aus diesen beiden Materialien abgeleitet.
Zu 5.: Beuys meint, »der größte Komponist der Gegenwart ist das Contergankind«. Er steht in völkischer Tradition, nach der »Zivilisation« und »Kultur« Widersprüche sind.
Zu 6.: Er behauptet, »die Lage der Menschen ist Auschwitz...«. Das ist eine vollkommene Verdrehung der Tatsachen. Es war das barbarische Nazi-System, in dem auch Beuys Täter war.

Fotos:
Joseph-Beuys-Poster für eine Vortragstournee durch die USA: Energy Plan for the Western Man, 1974, organisiert von dem Galeristen Ronald Feldman, New York


Das 20. Jahrhundert-Problem

Der französische Impressionismus leitete eine symbolische Revolution ein: Er setzte gegen die bis dahin vorherrschende Dominanz der staatlichen und kirchlichen Bilderwelten (Machtdemonstration der Eliten und Idealisierung der rituellen Dogmen) eine demokratische Bilderwelt des Alltäglichen. Pablo Picasso, Rene Magritte und andere griffen die Initiative auf: Sie verstanden ihre Kunst als die Ausformung einer neuen vom Menschen geschaffenen Bildsprache: Frieden, Freiheit und Empathie waren die Ziele. Der Erste Weltkrieg führte noch deutlicher vor Augen, dass die staatlich und kirchlich verordneten Bilderwelten in die Katastrophe geführt hatten. Die russische Avantgarde und das deutsche Bauhaus arbeiteten an einem vollkommen neuen Kunstverständnis: Kunst sollte helfen, alle Lebensbereiche neu zu gestalten: Außen- und Innen-Architektur, Design, neue Initiativen für gemeinsames Leben und Arbeiten. Das stieß auf erbitterten Widerstand: Schon der italienische Futurismus hatte Krieg und Zerstörung favorisiert und den Führer Mussolini glorifiziert. Hitlers und Stalins Terrorherrschaften unterdrückten die neuen Initiativen grausam und installierten wieder staatliche und mystische Bilderwelten, die an die brutalen Bilder- Machtdemonstrationen der vergangenen Jahrhunderte anknüpften und sie noch übertrafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ignorierten die Künstler die Erkenntnisse in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Die „Weltsprache der Abstraktion“ verzichtet bewusst auf eine Ausformulierung der Bildsprache – sie setzt auch eine Welt des Grauens in Szene. Die Kunst verkriecht sich in den Elfenbeinturm und überlässt die Ausgestaltung der Bildsprache Medienmogulen und Multimilliardären wie Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos. Sie erleichtert damit deren Fähigkeit, die Massen zu manipulieren.