Abschnitt IV – Kunst neu denken – Kunst im Verhältnis zu anderen Wissenschaften

Kunst als erlernbares Handwerk oder göttliche Inspiration?

Leonardo da Vinci positionierte die Kunst als erste unter den Wissenschaften. Für ihn war Kunst ein erlernbares Handwerk und keine göttliche Inspiration. Anschauung, Analyse und sachgerechte Wiedergabe sind Grundlage aller Wissenschaften. Kunst wird in den Museen isoliert von der alltäglichen Welt als Reich der Freiheit des Geistes präsentiert. Leider erfüllt Kunst diese Aufgabe nicht. In der Vergangenheit diente die Kunst allzu oft dazu, das Reich der Freiheit des Geistes zu verbarrikadieren und mit Illusionismus und Täuschung im Dienste der Herrscher Untertanen zu produzieren. Kunst sollte die rationale Bewusstheit des Menschen und das friedliche, liebevolle soziale Zusammenleben fördern. Dazu braucht Kunst die Verbindung mit anderen Wissenschaften. Kunst im Elfenbeinturm (in Museen) ist das Gefängnis der Kunst. Kunst und Religion stehen in inniger Verbindung. Eine kritische Religionswissenschaft kann helfen, Illusionismus und falsche Heilsverkündigungen zu hinterfragen. Viele Künstler besonders im 20. Jahrhundert werden von Traumata und Ängsten verfolgt. Sehr oft bändigen sie ihre seelischen Wunden nicht, sondern verstricken sich noch tiefer. Die psychologische Wissenschaft kann helfen. Kunst wurde in der Vergangenheit am staatlichen und kirchlichen Gängelband geführt. Auf Konzilen wurde vorgeschrieben, wie und was zu malen ist. Staatliche Akademien und Institutionen diktierten Malvorschriften. Die Geschichts- und die politischen Wissenschaften müssen aufarbeiten, wie sich die Kunst aus den traditionellen, akademischen Seh- und Denkmustern befreien können. Sprache, Denken, Schrift und Kunst bilden eine Einheit. Die Schrift hat sich aus Bildsystemen entwickelt. Die Wissenschaften, die sich damit befassen, müssen koordinieren.

Foto:
Leonardo da Vinci, Der vitruvianische Mensch, Proportionsstudie nach Vitruv, um 1492, Tinte und Tusche auf Papier, Gallerie dell´Accademia


Kunst und Religionswissenschaften

Kunst und Religion sind nicht zu trennen. Wenn man alle Bilder religiösen Inhalts aus den Kunstmuseen entfernen würde, wären diese (fast) leer. Aber der Zusammenhang wird nur unzureichend problematisiert. Derzeit wird der radikale Islamismus im Zusammenhang mit dem internationalen Terrorismus kritisiert. Vergessen wird dabei die europäische, christliche Vergangenheit: über 1.500 Jahre Kriege im Streit für den wahren Glauben, verherrlicht nicht nur in den Bildern Raffaels, Michelangelos oder Rubens. Die Kolonialisierung, die Unterwerfung der Welt ist die europäische Mission. Es lohnt sich, über Religion und ihre ideologische Gestaltung in der Kunst nachzudenken. Interessant sind insbesondere Erkenntnisse der dänischen Religionswissenschaftlerin Bredholt Christensen: „Das letzte Jahrzehnt archäologischer Forschung hat gezeigt, dass Religion einen Anfang hat; und dieser Anfang ist bestimmbar mit archäologischem Material.“ Die Monumentalanlagen von Göbekli Tepe (10.000 bis 8.000 v.u.Z.) werden als die ältesten Heiligtümer eingeordnet. „Wir können ›religiösen Glauben‹ als einen Glauben in Autoritäten definieren – diese sind monumentale Gebäude und Räume, kanonische Schriften, Propheten, Priester oder Könige – aber nicht Erfahrungen eines Einzelnen oder ein ›Bauchgefühl‹.“ (Christensen, S. 81 ff.) Und: „Götter sind Herrscher und Meister eines Territoriums, sie verlangen Respekt von den Menschen. Sie setzen die Normen dafür, wer ein gerechter Mann und was eine gerechte Frau ist, und wer wen heiraten darf, etc. [...] Alles in allem können die göttlichen Pantheons als Spiegel der menschlichen Gesellschaft charakterisiert werden.“ (ebd. S. 84 ff.) Der religiöse Zugang zu der „Anderen Welt“ sei immer exklusiv für die Personen mit Kontrolle über Territorien und Objekte reserviert, von Königen, Priestern und anderen Machthabern kontrolliert.

Fotos:
1. Kathedrale von Florenz, Foto: Florian Hirzinger
2. Chorraum und Apsis von San Giovanni in Laterano, Rom


Kunstlehre an staatlichen und kirchlichen Institutionen

Die Beschlüsse der Konzile gelten bis heute. Das 4. Konzil in Konstantinopel 869 und 870 formulierte das Dogma für die Ikonen und sprach die Verdammnis über die Bilderstürmer aus: „Wir legen fest: Die Ikone Jesu Christi, unseres Herrn, des Befreiers und Heilandes aller, ist in gleicher Weise wie das Buch der Heiligen Evangelien zu verehren.“
Auf dem Konzil von Trient zwischen 1545 und 1563 wurde beschlossen: „So geschieht es, dass wir durch Bilder, die wir küssen, vor denen wir das Haupt entblößen oder das Knie beugen, Christus selbst anbeten (adoremus) und jene Heiligen verehren (veneremus), deren Bild (similitudinem) sie mit sich führen. [...] So wird aus allen heiligen Bildern eine reiche Frucht erwachsen. [...] So darf es keine Bilder mehr geben, die ein falsches Dogma darstellen oder für die einfachen Leute die Gelegenheit zu einem gefährlichen Irrtum bieten.“ (zit n. Belting, S. 616 f).
Die Accademia del Disegno wurde von Cosimo I. in Florenz 1563 unter Beratung von Giorgio Vasari als erste staatliche Akademie gegründet. Der römischen Antike wurde der Vorrang eingeräumt, die religiöse und die Historienmalerei als die wichtigste Kunst positioniert. Ihr folgte die Accademia die S. Luca in Rom 1593 ebenfalls mit festgelegtem Programm für die Heiligenbilder. Großen Einfluss hatte dann die 1648 gegründete französische Académie Royale des Peintres et Sculptures. Ihre Richtung diktierte Ludwig der XIV. An dieser Akademie orientierten sich die Gründungen in den anderen Staaten: Berlin 1696, Wien 1725, Stockholm 1733, Madrid 1744, London 1768. Alle Akademien arbeiteten staatliche Kunstvorschriften aus, kultivierten den Geniekult und reglementierten die öffentlichen Ausstellungen. Sie prägten die Kunstentwicklung bis weit in das 20. Jahrhundert.

Fotos:
1. Édouard Joseph Dantan (1848–1897), Der Pariser Salon, 1880, Öl auf Leinwand, 97.2 cm x 130.2 cm, Privatsammlung
2. Accademia di belle arti, Firenze, Das Foto aus dem Jahr 2014 zeigt Studenten bei der Arbeit mit ihren Vorbildern.


Kunst und Archäologie

Mit historischen Vorurteilen können vergangene Kulturen nicht verstanden werden. Auch die Archäologie muss als Wissenschaft mit nachweisbaren Fakten arbeiten. Der Pionier der französischen Archäologie Henri Breuil (1877 – 1961) war gleichzeitig katholischer Priester. Mit seiner monotheistischen Grundüberzeugung deutete er zum Beispiel die Höhle Les Trois Frères als Urzeittempel. Das dort abgebildete „Mischwesen“ mit menschlichem Körper und tierischem Kopf und Geweih betitelte er als „Dieu cornu“, also als „gehörnten Gott“. Eine weitere beliebte Interpretation der Felsbilder ist die, dass sie von Schamanen in Trance gemalt worden seien. In seinem Buch „The Mind in the Cave“ behauptet der südafrikanische Archäologe David Lewis-Williams, dass Schamanen die Höhlenkunst nach Halluzinationen und Riten produzierten. Neuere Ansätze der Interpretation der prähistorischen Kunst suchen neue Wege zum Verständnis. R. Dale Guthrie kritisiert insbesondere die Annahme vieler Archäologen, dass die paläolithischen Künstler einen primitiven Lebensstil praktizierten, sie deshalb auch nur einen begrenzten Geisteshorizont besaßen und von Magie und religiöser Zauberei besessen gewesen seien. Insbesondere kritisiert er auch die Vorliebe vieler Archäologen, gefährliche ethnologische Parallelen zu ziehen. Auch Brian Boyd wendet sich vehement gegen die Auffassung, Kunst habe ihren Ursprung in der Religion (Boyd 2009). Boyd argumentiert, dass Menschen mit der Entwicklung der materiellen Kultur ein immer größeres Interesse an Informationen hätten und der Austausch mit anderen zu einer Weiterentwicklung führte: Kunst sei ein sehr wichtiges Mittel dieser Informations- und Wissenssammlung. Terence Deacon (1997) betont, dass schon das Jagen und Sammeln mit einer symbolischen Sprache oder einem Zeichensystem verbunden gewesen sein muss.


Kunst und Geschichtswissenschaft

Viele Geschichts- und Kunstwissenschaftler schwärmen geradezu von den ersten „Hochkulturen“ der Welt, die sich ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.) gebildet haben: das mesopotamische Reich, etwa zeitgleich das Elam-Reich im Iran, das ägyptische Reich und die chinesischen Reiche. Diese Hochkulturen sind aber die Unterdrückung der Mehrheit der Bevölkerung. Sie leiten ein Zeitalter der Kriege ein.
Die Einteilung in Prähistorie (Vorgeschichte, die graue Urzeit ohne zivilisiertes Leben) und der Beginn der historischen, zivilisierten Zeit mit blühenden Hochkulturen ist in Frage zu stellen. Alle grundlegenden Neuerungen und technischen Errungenschaften, die auch heute noch die Lebensgrundlagen des modernen Menschen bilden, wurden während der Zeit der „Prähistorie“ gemacht. Gerade die Kunst hatte Höhepunkte. Als weitere Merkmale einer Hochkultur werden in den Geschichts- und Kunstwissenschaften aufgeführt:
– Existenz von Städten als Zentren von Herrschaft,
– militärische Sicherheit, Organisation unter einer Führung, schlagkräftiges Heer,
– zentralisierte Verwaltung (Rechtssystem, Bürokratie und Steuereintreibung),
– ideologische Einheit der Bevölkerung durch Sprache, Kultur und Religion.
Diese angeblichen Merkmale einer Hochkultur verengen den Blick einseitig auf hierarchische, von Herrschern dirigierte Gesellschaften. Es ist zu berücksichtigen, dass die Grundlagen dieser Einteilung von Wissenschaftlern aus aristokratisch, absolutistischen Zeiten erarbeitet wurden. Unsere heutige Zivilisation, die sich demokratisch zu ordnen versucht, muss auch mit einem Geschichtsverständnis brechen, das brutale Herrscherdynastien als „Hochkulturen“ idealisiert.


Kunst, Biologie und Psychologie: Traumatisierungen und Ängste

Der Sozialdarwinismus ist auch heute noch sehr verbreitet. Biologische Entwicklungen werden auf gesellschaftliche Prozesse übertragen. „Natürliche Zuchtwahl“ erfolge im Kampf: Nach Darwin überlebt nur der Stärkste. Danach ist der Krieg der Vater aller Dinge.
Auch Sigmund Freud übernimmt diese biologistische Sichtweise Darwins. Der Mensch wird als von Trieben beherrschtes Wesen begriffen. Es setzt sich allerdings in den modernen Wissenschaften die Erkenntnis durch, dass der Mensch ein soziales, lernendes Wesen ist, fähig zum „Guten“ und zum „Bösen“. Der große US-Mediziner Leon Eisenberg spricht von einer „sozialen Konstruktion des menschlichen Gehirns“, weil es sich bei jedem Menschen seit der Geburt neu vernetzt. Für vererbbare Eindrücke oder vererbte Traumata ist dort wenig Platz. Deshalb können auch die Bilderwelten nur aus der jeweiligen sozialen Organisation zwischenmenschlicher Beziehungen erklärt werden.
Erich Fromm hat besonders deutlich die soziale Bedingtheit der menschlichen Psyche herausgearbeitet. Er distanziert sich klar von einem automatischen Fortschrittsglauben. Für ihn ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der wachsenden Entwicklung des Menschen und gleichzeitig seiner wachsenden Entfremdung. Sein „Glaubensbekenntnis” lautet, „dass jeder Einzelne die ganze Menschheit in sich trägt, dass die ›menschliche Situation‹ (condition humana) für alle Menschen die gleiche ist, dies trotz der unvermeidlichen Unterschiede bezüglich Intelligenz, Begabung, Größe und Hautfarbe.” Fromm ist der Meinung, dass die „primitivsten” Gesellschaften gleichzeitig auch die egalitärsten und die demokratischsten sind.


Kunst und Ethnologie

Ein Umdenken ist auch für die Völkerkunde notwendig. Hier ist neokolonialistisches Denken noch an der Tagesordnung. Schon der Titel des Hauptwerks des US-amerikanischen Ethnologen Lewis Henry Morgan „Die Urgesellschaft oder Untersuchung über den Fortschritt der Menschheit aus der Wildheit durch die Barbarei zur Zivilisation“ (1877) zeigt, dass auch Morgan einen kulturellen Evolutionismus vertrat. Der französische Ethnologe Claude Lévy-Strauß hat mit seinem strukturellen Ansatz das „wilde Denken“ untersucht und charakterisierte das archaische „wilde Denken“ als ganzheitlich orientiert, während das „moderne Denken“ vom einzelnen Ereignis oder Objekt ausgehe und daraus das Universum zusammengesetzt sieht. Er zieht aber nicht den Schluss, dass das „wilde“, ganzheitliche dem zergliedernden „modernen“ Denken überlegen ist. Der Psychologe und Ethnologe Mario Erdheim denkt über die Integration des Künstlers in die Machthierarchien nach. "Je stärker sein Unbewusstes mit den Größen- und Machtphantasien der Herrscher verknüpft ist, desto unmöglicher wird es für ihn, reale Zusammenhänge zu erkennen. Denn „[...] im Rahmen jener Institutionen fallen diese sogenannten Ich-Funktionen weg[...].“ (Erdheim S. 76). Die Integration des Künstlers in die Machthierarchie sorgt für die Uniformität der inhaltlichen Aussagen zugunsten der bestehenden Ordnung. Kritiklosigkeit sowie die Übernahme der nationalistischen oder religiösen Illusionen bestimmen die Inhalte des Künstlers als „institutionalisiertem“ Individuum. Diese vor allem unbewusst wirksamen Mechanismen der Macht auszuschalten bedeutet, die Regeln der Institutionen zu erkennen und sich ihnen zu widersetzen. Das schafften aber erst die französischen Impressionisten (und auch sie nur teilweise). Kunst muss wieder an einem einheitlichen Weltbild arbeiten. Frieden und Freiheit sind die Ziele.


Künstler zur prähistorischen Kunst

Markige Sprüche von Pablo Picasso bezeugen die große Hochachtung dieses Künstlers vor der prähistorischen Kunst. Nach dem Betrachten der Höhlenmalereien von Altamira soll er gesagt haben: „Nach Altamira ist alles Dekadenz.” Und nach dem Besuch von Lascaux sagte er: „Wir haben nichts dazugelernt.”
Der Vergleich von Picassos Stierbilder mit denen von Altamira zeigt, dass er anzuknüpfen versucht. Ganz deutlich ließ sich Picasso auch bei seinem Bild „Desmoiselles D´Avignon“ inspirieren. Picasso hatte schon früh erkannt, dass Kunst auch die Ideologie der Macht und Herrschaft verschleiert und beschönigt. Er versuchte mit seiner Malerei der Liebe und Empathie dagegen anzumalen, kurz, an einem neuen Weltbild zu arbeiten. Um 1926 erkärte Joan Miró seine bedingungslose Bewunderung für die Kunst der Grotten. Er äußerte sein Verlangen, die traditionelle Malerei zu zerstören und zu ermorden. Miró begann, „magische Zeichen auf Knochen und Holzstücke zu ritzen“. Er kommentierte dies mit der Bemerkung: „Die Malerei ist seit dem Zeitalter der Höhlen im Verfall.“
Die Plastiker George Brassai oder Henry Moore tauchen tief in die Formenwelt der prähistorischen Kunst ein, wie die „Femme Mandoline” von Brassai (aus Elfenbein) oder die „Venus Noire 1” (aus schwarzem Marmor). Henry Moore bewunderte und sammelte Kykladen-Figuren, weil sie nach seiner Einschätzung „eine gemeinsame Weltsprache der Formen erkennen“ ließen.
Pablo Picasso, Constantin Brancusi, Hans Arp, Alexander Archipenko und William Turnbull sind Künstler, die von der Kykladenkunst begeistert waren. Turnbull sagte, dass 3.000 Jahre alte Kunst moderner aussehen könne als etwas, was gestern hergestellt wurde.

Fotos:
1. „Violine“, Fundort unbekannt, 3.200 - 2.900 v. u. Z., Frühkykladisch I. Marmor, Höhe 11,7 Zentimeter, Breite 5 Zentimeter, Tiefe 1 Zentimeter, Karlsruhe, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Inv. 65/48, Foto: Thomas Goldschmidt
2. Henry Moore, „Two-Piece Reclining Figure: Points", 1969–1979, Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Hofgarten


Kunst, Sprachwissenschaft und Linguistik

Die Entwicklung der menschlichen Sprache, des Denkens und der Schrift ist eng verknüpft mit der Kunst. Sprache, Denken, Schrift und Kunst bilden eine Einheit. Die Schrift hat sich aus der Bild-Kunst entwickelt. Geschichtswissenschaftler behaupten, dass die Schrift in den „Hochkulturen“ des Zweistromlands, in Ägypten und im alten China ab 3.500 Jahren v.u.Z. „erfunden“ worden sei. Diese These impliziert, dass die Schrift erst unter Herrscherdynastien, der Auflistung des Privateigentums und der Abführung der Steuern durch die Untertanen entstanden sei.
Sprache, Verständigung mit Symbolen und Zeichen und deren schriftliche Fixierung muss es aber schon viel früher gegeben haben. Für das Jagen vor allem der großen Tiere (Mammute, Pferde, Stiere) war ein abgestimmtes Verhalten der Jägergemeinschaften mit vorher abgesprochenem Plan Voraussetzung. Bei der Jagd konnte man sich nicht mit Grunzlauten verständigen (das hätte die Tiere vertrieben), sondern musste sich mit Zeichen verständigen. Die Höhlenmalereien und die frühen Skulpturen ab 40.000 Jahren v.u.Z. sind fast alle mit Zeichen assoziiert. Eine entwickelte Schrift lässt sich für die Kultur Alteuropas ab 5.500 v.u.Z. nachweisen.
Zuerst benutzte man bildhafte Nachzeichnungen, zum Beispiel die Umrisslinien eines Kopfes, eines Fisches, die charakteristischen Merkmale eines Tieres, bis sich dann daraus abstrakte Zeichen entwickelten. Belegt ist diese Entwicklung sowohl für die assyrische, die ägyptische als auch für die chinesische Schrift. Es muss von einer langen Evolutionsgeschichte der Sprache und der Schrift ausgegangen werden. Sprachwissenschaft, Kunst und Genetik weisen nach, dass die Menschheit gemeinsame Wurzeln hat: Rassentheorien und Nationalismus entbehren der wissenschaftlichen Grundlagen.

Fotos:
1. Schriftzeichen auf dem Tartaria-Tablett, Vinca-Kultur vor 7.500 bis 7.300 Jahren.
2. bildhafte Schriftzeichen der Vinca-Schrift,
3. ähnliche Schriftzeichen der chinesischen Banpo- Töpfer-Kultur von vor 6.700 bis 6.300 Jahren.


Abschnitt IV – Kunst und Politik

Die symbolische Revolution will vollendet werden

Wir sind von Bilderwelten der Vergangenheit umgeben. Wie könnte es auch anders sein? Doch diese Bilderwelten prägen Weltbilder, Vorbilder. Das Wahrzeichen Berlins ist das Brandenburger Tor. Die von Johann Gottfried Schadow geschaffene Quadriga ist ein militärisches Siegesdenkmal. Jetzt wird sie sogar als Symbol des wiedervereinten Deutschlands gesehen. Auch den zentralen Verkehrsknotenpunkt Berlins ziert eine Siegesäule, Sieg über andere Nationen. Vor dem Roten Rathaus steht der Neptunbrunnen von Reinhold Begas. Oben thront der Gott Neptun, Herrscher über die Weltmeere, unten zeigt sich demütig, ergeben die Meerjungfer.
Die französischen Impressionisten starteten eine symbolische Revolution, indem sie das Herrscherbild vom Thron stießen und demokratische Bilderwelten des Alltäglichen gestalteten. Im 20. Jahrhundert stoppten Hitler und Stalin die weitere Ausarbeitung demokratischer Vorstellungswelten und installierten wieder Herrscherbilder. Das Bildnis Friedrichs des Großen von Adolph von Menzel begleitete Hitler bis zur Verabreichung der Giftspritze im Führerbunker. Von Hierarchien geprägte Vorstellungswelten bis in die kleinsten Gliederungen der Gemeinschaften geben den Untertanen ideologische Orientierung – seit der Installation des Patriarchats. Ob nun das Bild Erich Honecker starr distanziert lächelnd über jedem Schreibtisch hing oder sich Gerhard Schröder als „Goldener Kanzler“ präsentierte, hier äußert sich Dominanzverhalten, das demokratischen Umgangsformen widerspricht. Hierarchien in der Wirtschaft, in Parteien und Gewerkschaften: Sie degradieren Einzelne zu Rädchen im Getriebe. Oben wird bestimmt. Freiheit, Gleichheit; Brüderlichkeit bleiben vorerst Ideale. Wir sollten aber nicht aufhören, deren Verwirklichung zu versuchen.