Abschnitt V - Hinweise auf besondere Bücher

Beaucamp, Eduard, Der verstrickte Künstler, Wider die Legende von der unbefleckten Avantgarde

Köln: DuMont, 1998

„Wir stecken mitten drin in einer neuen Fin de Siècle-Problematik.“ 12 Beaucamps Streifzug durch die Bilder-Monografien des 20. Jahrhunderts ist kritisch und sehr anregend. Die Avantgarden haben auch Dreck am Stecken und verstricken sich oft in Widersprüche, klärt der frühere FAZ-Ressortchef auf.

DuMont, 298 Seiten, ISBN: 3-7701-4734-0

Berger, John u.a. (1976): Sehen Das Bild der Welt in der Bilderwelt

Reinbek, rororo

Berger schreibt: „Wenn ein Bild als ein Kunstwerk präsentiert wird, begegnen die Menschen den Bildern mit einer Fülle von gelernten Voraussetzungen. Annahmen bezüglich Schönheit, Wahrheit, Genie, Zivilisation, Form, Status, Geschmack, usw. Viele dieser Annahmen stimmen nicht mehr mit der Welt, wie sie ist, überein. Folgerichtig führt die Ängstlichkeit in der Gegenwart zu einer Mystifikation der Vergangenheit. ... Die Kunst der Vergangenheit wird mystifiziert, weil eine privilegierte Minorität bestrebt ist, die Geschichte neu zu erfinden, die rückblickend die Rolle der herrschenden Klasse rechtfertigt, und solche Rechtfertigungen machen keinen Sinn mehr in modernen Zeiten.- Und deshalb greifen sie unweigerlich zur Mystifikation. ... Falls wir die Gegenwart klar genug sehen können, können wir auch die richtigen Fragen an die Vergangenheit richten.“

Rororo, 158 Seiten, 680-ISBN 3 499 16868 5

Bourdieu, Pierre (2015): MANET Eine symbolische Revolution

Berlin, Suhrkamp

In diesen Vorlesungen am Collège de France 1998-2000 analysiert Bourdieu die Krise der Gesellschaft und der Kunst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Manet bricht mit den Regeln der akademischen Malerei und revolutioniert damit die gesamte ästhetische Ordnung. Es sind Kampfansagen gegen die damalige gesellschaftliche Ordnung mit wichtigen Schlussfolgerungen für die heutige Zeit. „Symbolische Revolutionen“ sind nur vor dem Hintergrund des gesamten kulturellen Feldes zu erklären. Ein Grundlagenwerk der Kunstsoziologie.

Suhrkamp, 921 Seiten, ISBN: 978-3-518-58680-8

Bredekamp, Horst (2010): Theorie des Bildakts

Berlin, Suhrkamp

Auf dem Weg zu einer Bildwissenschaft durchforstet Bredekamp in seinen Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007 die bisherigen Versuche der Klärung des Bildakts von den Philosophen Platon, Aristoteles und Heideggers, über den Evolutionsforscher Darwin bis zu Malern (Leonardo da Vinci oder Hans Memling oder den Schießbildern von Niki de Saint Phalle). Er spürt der Macht des Bildes nach. „Die Bedeckung des Guernica-Teppiches in der UNO [bei der Pressekonferenz des US-Außenministers Colin Powell] war kein Einzelfall dieser Form der Wappnung gegenüber der potentia des Bildes. Als die Statue des Diktators Saddam Hussein gestürzt wurde, verhüllten Soldaten sein Gesicht mit der amerikanischen Flagge.“ S. 234 f. Seine Schlussfolgerung, dass Körper und Bilder die Voraussetzung des Denkvermögens bilden, mündet in die Quintessenz zum Bildakt: „Bilder sind nicht Dulder, sondern Erzeuger von wahrnehmungsbezogenen Erfahrungen und Handlungen...“ S. 326

Suhrkamp, 463 Seiten, ISBN: 978-3-518-58516-0

Einstein, Carl (1988): Die Kunst des 20. Jahrhunderts

Leipzig, Reclam

Angriffslustig, flüssig geschrieben und sehr sachkundig ist das 1926 erstmals erschiene Buch „Die Kunst des 20. Jahrhunderts“. An Daniel-Henry Kahnweiler schrieb Einstein: „Meine Kunstgeschichte wird für manche Größe peinlich sein.“ In der Tat. Er analysiert die Widersprüchlichkeit in Vincent van Goghs und Gauguins Bildern, nennt Georges Rouault einen wütenden Fastenprediger und stampft den italienischen Futurismus in den Boden. Sein Kommentar zu Emil Nolde: „Barbarische Magie“. Schon 1926 hebt er die außergewöhnliche Kraft von Picassos Bildern hervor. Für die Kunsthistoriker und seine Kollegen Fachkritiker hat er nur Häme übrig: „eine Jammerbude ohne selbständige Recherche und mäßige Jongleure erledigter Schlagworte“. Dieses Buch ist auch heute hoch aktuell. Treffend könnten viele Analysen auf „moderne“ Kunst-Akteure und die schwärmenden Kunstkritiker übertragen werden.

Reclam, Leipzig, 376 Seiten, ISBN 3-379-00169-4

Famulla, Rolf (2009): Joseph Beuys: Künstler, Krieger und Schamane

Gießen, Psychosozial-Verlag

Das Buch zeigt auf, das Joseph Beuys als Soldat nicht nur fanatisch für die Nazis kämpfte, sondern auch tief in die nationalsozialistische Ideologie verstrickt war. Wie sein Vorbild Rudolf Steiner gruppierte er die Menschen in Rassen. Er idealisierte die germanische Mythologie und hielt an einem biologistischen Weltbild fest. Seine wichtigsten Materialien, die er in seinen Werken benutzte, waren Blut und Boden. Geschickt vermarktete er sich als Genie, Schamane und Führer in der Kunst. Durch die Charakterisierung der Künstlerpersönlichkeit Joseph Beuys werden auch die Verführbarkeit des Kunstpublikums und die Profiteure des Kunstmarkts kritisiert.

Psychosozial-Verlag, 222 Seiten, ISBN 978-3-89806-835-2

Hamann, Richard (1957): Geschichte der Kunst

Berlin, Akademie-Verlag

Der 1961 gestorbene Richard Hamann, Professor an der Universität Marburg und Gastprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin, schrieb das bisher umfangreichste, von Ideologien nicht durchtränkte Buch zur Geschichte der Kunst. Allerdings streifte er die prähistorische Kunst nur unzureichend. Auch die Kunst des 20. Jahrhunderts wird nicht kritisch analysiert. Aber akribisch beschreibt er die Entwicklung der Kunst von Altägypten bis zum Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Mit seiner Aufarbeitung setzt er sich sehr positiv gegenüber dem Buch „Die Geschichte der Kunst“ von Ernst H. Gombrich ab, das heute noch als Standardwerk angesehen wird.

Akademie-Verlag, 1004 Seiten (zwei Bände), antiquarisch zu erwerben

Saunders, Frances Stonor (2001): Wer die Zeche zahlt... Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg

Verlag Siedler, Berlin

Faktenreich auf über 400 Seiten schildert der Autor, wie der CIA das umfangreiche Programm der kulturellen Kriegsführung ausarbeitet und zielstrebig umsetzte. Die Konzerne ließen sich nicht lumpen und spendeten reichlich. Die Pressekonzerne wie das Life-Imperium oder Hollywood ließen sich bereitwillig einspannen. Das Museum of Modern Art (MoMa) war ein Aushängeschild des CIA.

Siedlerr, 478 Seiten, ISBN 3-88680-695-2

Wirth, Hans-Jürgen (2006): Narzissmus und Macht – Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik

Gießen Psychosozial-Verlag

Das Buchcover ziert das Herrscherporträt Napoleons von Jean-Auguste-Dominique Ingres aus dem Jahre 1806: Ingres war offenbar fasziniert von der Pose allmächtiger Herrschaft, Zeus, Jupiter, Gott in einem. Unnahbar, bereit zur vernichtenden Tat. Dann zitiert Wirth Nietzsche: „Der Dämon der Macht. – Nicht die Notdurft, nicht die Begierde – nein, die Liebe zur Macht ist der Dämon der Menschen. Man gebe ihnen alles: Gesundheit, Nahrung, Wohnung, Unterhaltung – sie sind und bleiben unglücklich und grillig: Denn der Dämon wartet und wartet und will befriedigt sein.“ (Friedrich Nietzsche 1881: Morgenröte, § 262) Aber Wirth bleibt nicht in der Vergangenheit und im Allgemeinen stecken. Er analysiert, wie die siamesischen Zwillinge Macht und Narzissmus die Politiker Barschel, Kohl oder Fischer geprägt haben, welche Bedeutung sie für die 68er-Generation oder die kriegführenden Politiker im Kosovo-Konflikt hatten. Es ist im Zeitalter vom Trump ein hochaktuelles Buch.

Psychosozial-Verlag, 440 Seiten, ISBN 3-89806-044-6

Wyss, Beat (2009): Nach den großen Erzählungen

Frankfurt am Main

Der Kunstprofessor wagt es, das Fell wieder den Strich zu bürsten. Kunsttheorie vom Feinsten. Er beginnt mit der Dekonstruktion der „neuen, heiligen Kunst“, der abstrakten Kunst der freiheitlichen Konsum-Warenwelt. Mit theoretischem Bildwissen ausgerüstet, nimmt er die Ikone der westdeutschen Szene ins Visier: „Beuys gelingt die habituelle Verschmelzung von völkischem Wandervogel und Achtundsechziger-Rebell.“ Seine Charakterisierung von Beuys als „ewiger Hitlerjunge“ ließ die Hüter der traditionellen Kunst aufheulen. Das Buch bietet aber auch einen Streifzug durch das gegenwärtige Bildverständnis. Besonders lesenswert ist die Diskussion des widersprüchlichen Werkes von Walter Benjamin. Noch eine Feststellung von Wyss ist wichtig: „Das Abfackeln von Dunst aus den Köpfen der Kunstmythologen ist eine Dienstleistung, die regelmäßiger vorgenommen werden müsste.“

edition suhrkamp, 218 Seiten, ISBN 978-3-518-12549-6

Zeki, Semir (2010): Glanz und Elend des Gehirns –Neurobiologie im Spiegel von Kunst, Musik und Literatur

München, Reinhardt

Zeki schreibt: „Alle Männer und Frauen haben in ihrem Gehirn ein Konzept von Schönheit. Leonardo da Vinci, Lorenzo Ghiberti und Leon Battista Alberti, die wie alle Künstler ebenfalls ein gehirngestütztes Schönheitskonzept hatten, waren überzeugt, dass es sich anhand einer Formel zumindest annähernd in Malerei umsetzen ließe.“ 112 „Auch in der menschlichen Unzufriedenheit liegt insofern ein starkes Paradox, als das Gehirn auch die Fähigkeit besitzt, die Unzufriedenheit in kreative Leistungen, in Werke der bildenden Kunst, Literatur oder Musik umzuwandeln...“ 223 „Kreativität stellt also in gewisser Weise einen Weg des Gehirns dar, seine Mängel wettzumachen.“ 224

Verlag Reinhardt, 250 Seiten, 2010 ISBN 3497021199, 9783497021192

Katalog zur Ausstellung: Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland vom 21. September bis 6. Januar 2019

Gropius-Bau, Berlin

Der Katalog zur Ausstellung ist ein Höhepunkt, weil er einen Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung gibt und die Bedeutung des interkulturellen Austausches und der Migrationsbewegungen hervorhebt. Ein sehr gute Dokumentation stellt Bezüge zu Problemen der Gegenwart her.

Michael Imhof Verlag, 480 Seiten, ISBN 978-3-7319-0723-7

Katalog zur Ausstellung: Neolithische Kindheit – Kunst in der falschen Gegenwart, ca. 1930

Haus der Kulturen der Welt vom 13. April bis 9. Juli 2018, Berlin, Diaphanes

Viele Kunsthistoriker*innen nehmen die Fragmente von Carl Einsteins „Handbuch der Kunst“ zum Anlass, um über „die Rückführung der Kunstgeschichte in Kulturgeschichte nachzudenken. So untersucht Maria Stavrinaki, warum sich Künstler der 1930er Jahre mit der Steinzeit identifizierten. Kerstin Stakemeier problematisiert russische und nicht-russische Proletkulte. Weitere Themen: Autonomie der Kunst, Mythos/Mythologie, die Rolle der Avantgarden, Training der Ekstase, Kolonialismus, Spanischer Bürgerkrieg. Was zunächst zusammenhanglos erscheint, kreist immer um die Frage: Welche Bedeutung hat heute die Kunst? Eine Diskussion kann entstehen.

Diaphnes Verlag, 460 Seiten, ISBN 978-3-0358-0119-4

Bücher, die vorsichtig kritisch zur gegenwärtigen Kunst Stellung beziehen:

Ullrich, Wolfgang (2016): Siegerkunst Neuer Adel, teure Lust

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

Nur ein Zitat: „So liegt es etwa nahe, in Gemälden Martin Eders oder Neo Rauchs, weiterer Siegerkünstler, ein Revival von Formen schwülstiger Salonkunst des 19. Jahrhunderts zu sehen. ... Bei Rauch hingegen denkt man eher an Carl Theodor von Piloty oder Hans Makart...“ 141

Wagenbach, 160 Seiten, ISBN 978-3-8031-3660-2

Voss, Julia (2015): Hinter weißen Wänden

Merve Verlag Berlin

Die FAZ-Feuilletonistin beklagt unter anderem die Abhängigkeit der Kunstkritiker von der „Kunstszene“: „Es wäre zum Beispiel publizistischer Selbstmord, die documenta zu übergehen, den Fälschungsskandal um Beltracchi, den Tod von Maria Lassnig oder eine große Ausstellung von Ai Weiwei in Berlin.“ 11

Merve Verlag, 152 Seiten, ISBN 978-3-88396-360-0

Schultheis, Franz et al. (2015): Kunst und Kapital. Begegnungen auf der Art Basel

Köln

Die Soziologen zitieren Ansichten von Künstlern: „Ich fühle mich wie eine Hure im Zuhältermilieu. 157 ... Kunst als Ware ... die Klientel war mir ein bisschen zuwider. Da ist ja schon dieses sich zeigen und gesehen werden. Darum geht es ja eben auch. Das ist so unglaublich oberflächlich. ... Aber das ist einfach Markt, das ist Geschäft, sonst gar nichts ... Gier, Geld, es ist immer nur das Business ... Das hat nichts mit Kunst zu tun ... Das finde ich halt schon irgendwie ekelhaft ... Die Formel lautet: ›Im Prinzip bin ich dagegen, aber pragmatisch gesehen wäre es schon vorteilhaft.‹ 159 ff.